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Zwei Arten des Exils
Professor Dr. Maria Luisa Siguan Boehmer aus Barcelona ist zu Gast am Seminar für Ost- und Mitteleuropäische Studien an der Universität Bremen.
Maria Luisa Siguan Boehmer ist Germanistik Professorin an der Universität Barcelona. Ihr Forschungsbereich umfasst das 18., 19. und 20. Jhdt. Deutscher Literatur, Deutsch-Spanischer Literatur-Beziehungen und Frauen Literatur.
Zum Thema:
Jean Améry überlebt Auschwitz und bezeugt mit seinem Schreiben Auschwitz und den Massenmord an den europäischen Juden, nach der Befreiung lebt er in Belgien, im ?immerwährenden Schriftsteller-Exil?, bis er sich in Österreich, in Salzburg, 1978 das Leben nimmt. Max Aub wird als spanischer Republikaner in französische Lager deportiert und kann nach der Freilassung nach Mexiko ins Exil entfliehen, wo er bis zu seinem Tod 1972 lebt. Beide bekunden unterschiedliche Versehrtheiten und Fassungslosigkeiten, ihr Schreiben ist sowohl autobiographisch wie autofiktional.
Améry findet für sein Weiterleben nach Auschwitz die Begriffe des Ressentiments und des Nicht-Nichtjudentums, eine Definition ex negativo. Hinter seinem Ressentiment Aufsatz steht eigentlich ein verzweifelter Appell an einen Dialog mit den Deutschen der Nachkriegszeit, der nie stattfindet. Aub macht die Erinnerung an die besiegte spanische Republik zu seinem literaischen Thema genauso wie sein Ressentiment gegenüber den Siegern, und entwirft eine Geschichtsutopie in seiner fiktiven Antrittsrede an die spanische Akademie, in der das Exil nicht nötig ist. Für beide ist der Dialog mit den nicht Exilierten, mit denen, die im Lande geblieben sind, nicht geglückt. Ich möchte diesen beiden Wegen in den Werken der Autoren nachgehen, nehme besonders Bezug auf den Ressentiment-Aufsatz von Améry und auf die Akademie-Rede Aubs (El teatro español sacado de las tinieblas de nuestro tiempo).
Zugrunde liegt die Frage ob den Exilierten der europäischen Diktaturen des 20. Jahrhunderts die Rückkehr überhaupt möglich ist, und wie sie diese Frage zum Thema ihres Schaffens machen, wie sie aus ihrer zerstörenden Erfahrung mit Hilfe ihres Schreibens Identitätskonstruktionen gewinnen, warum und auf welche Weise Autofiktion ihrem Vorhaben angebrachter ist als Autobiographie. Und wie in ihrem Schreiben auch utopische Entwürfe zu finden sind.